4. Februar 2013

Verbrennt das agile Manifest!

Ich bin der Meinung, dass das agile Manifest der Agilität einen Bärendienst erweist. In allen Diskussionen die ich die letzten Jahre geführt habe, wurde das Agile Manifest in der Argumentation gegen die Agilität verwendet. Meine zweite Beobachtung: viele überzeugte Agilisten (ich zähl mich mal dazu) reden nicht über das agile Manifest. Das Thema muss aber mal angesprochen werden, also rede ich hier doch darüber. Aber nur dieses eine Mal :-)

Ich finde dass das agile Manifest 2001 ein wichtiger Schritt war. Zum ersten Mal wurden die verschiedenen Ansätze der damaligen Software-Gurus auf ein gemeinsames Wertesystem abstrahiert. Endlich war klar, warum manche dieser (damals) neumodischen Dinge in der Entwicklung besser funktionierten und als manche der gewachsenen Dinge. Das Manifest hat die Verfechter der agilen Softwareentwicklung zusammengeschweißt, so verschieden sie und ihre Ansätze auch waren. Im Kern standen (und stehen) sie für dieselben Überzeugungen.

Zwischenbilanz: Für mich ist das agile Manifest eine Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2001, nicht mehr und nicht weniger.

Seit 2001 hat sich die Agilität dank Scrum und Kanban weitere Freunde und Feinde erschlossen. Das Agile Manifest wurde zum Manifest einer Bewegung und wurde seiner Existenz als schlichte Bestandsaufnahme beraubt. Meiner Meinung nach ist agile Softwareentwicklung aber nur die Keimzelle für agile Unternehmen. Softwareentwicklung ist nicht das Unternehmen. OK, in manchen Business-Cases vielleicht schon, aber meistens stellt die Softwareentwicklung nur einen Teil der Wertschöpfung dar. Bei der agilen Bewegung geht es um neue Formen der Organisation, Kommunikation, Motivation und Entfaltung. Wäre es nicht ziemlich kurzsichtig, wenn wir dieses Potential im unscheinbaren Kämmerlein der Softwareentwicklung einsperren würden?
Die Richtung scheint also klar: Was wir benötigen sind nicht agile Entwicklungsprozesse, sondern agile Unternehmen bzw. Organisationen. Was nützt uns dabei eine Wertesammlung aus der Softwareentwicklung? Nicht viel. Was ist das Risiko wenn wir es trotzdem verwenden? Dass es gegen uns verwendet wird. Beispiele gefällig?

„Agilität ist nicht vereinbar mit der Norm XY, denn im Manifest steht…“

„Uns fehlt noch das Xte Prinzip aus dem Manifest, dann sind auch wir agil.“

Und wenn dann noch jemand kommt und sagt: „Agiles Manifest? Nie gehört.“ sage ich: „Prima, bei Ihnen besteht eine Chance etwas zu bewegen.“

Ich finde das ja verständlich. Da kommt etwas Neues und man will es begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes. Geschriebene Worte, an denen man sich festhalten und orientieren kann. Doch hier auf das Manifest als vorgegebenes Kochrezept zu setzen finde ich zu kurz gedacht. Wichtig ist mir das Gedankengut (neudeutsch „Mindset“) des Manifests. Und dieses zu verinnerlichen geht meiner Erfahrung nach zwischen zwei Minuten und zwei Jahren. Je nach Ausgangs-Mindset.

So komme ich zu meinem Aufruf der auch den Titel für diesen Beitrag stellt:

„Übernehmt das Mindset des agilen Manifests und verbrennt das agile Manifest.
Fragt nach der Wirksamkeit Eurer Veränderungen, statt nach Definitionen.“

Für mich ist die Wirksamkeit von Veränderungen wichtig. Ob ich kompatibel zum Manifest bin, interessieren nur die, die lieber an Checklisten statt am Gedankengut arbeiten. Compliance über Wirksamkeit zu setzen ist in manchen Branchen unumgänglich, darf aber bei einer ersten (Neu-)Orientierung nicht als Gegenargument verwendet werden.

Fazit: Das agile Manifest hat Zusammenhänge in der Softwareentwicklung erklärt und keine Vorgaben gemacht. Was agil ist und was wirksam ist muss jeder in seinem Kontext definieren. Genau, jetzt hab ich’s, mein zweiter Aufruf:

„Jedem sein eigenes Manifest!“

Hut ab, Ihr 17 Gurus von 2001, Ihr habt etwas Großartiges und Wichtiges geschaffen. Die Welt benutzt es leider gegen Euch.

Wirksame Grüße
Joachim

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