4. Januar 2020

Brauchen wir noch Projekte?

Daniel vom Projektmagazin ruft zu einer neuen Blogparade auf. Das Motto diesmal: „Brauchen wir noch Grenzen im Projektmanagement?“ Diese Frage triggert bei mir eine Frage, die noch viel weiter geht: „Brauchen wir noch Projekte?“

OK, das mag dir jetzt etwas provokant erscheinen, daher möchte ich es diese Frage auf den Rahmen der Produktentwicklung einschränken. Sicherlich gibt es viele Bereiche, in denen Projektdenken Sinn macht, wie zum Beispiel beim Bau von Flughäfen. Wenn du jedoch Produkte in einem unklaren Marktumfeld oder an der Grenze der Physik entwickelst, wird es dir sehr schwer fallen Monate oder gar Jahre im Voraus zu definieren, wie das Produkt aussehen wird, was die Entwicklungskosten wird, und wen du dazu benötigst.

Traditionell versuchen Entwicklungsorganisationen alle Unklarheiten vor dem Projektstart aus der Welt zu räumen. Es werden Marktstudien und Machbarkeitsanalysen durchgeführt und unter der Annahme dass alle Annahmen richtig sind wird ein Projektteam zusammengestellt und ein Budget definiert. Dann gibt es einen Kickoff und das ganze Vorhaben läuft los. Unterwegs ändern sich jedoch Anforderungen und es gibt neue Erkenntnisse über die Machbarkeit. Da wirst du jetzt sagen: „Aha, der Pfeffer will uns das agile Zeug verkaufen.“ Nun, sicherlich kannst du mit dem agilen Zeug besser auf veränderte Bedingungen innerhalb eines Projekts reagieren als mit den üblichen Quality Gates. Doch das ist ein anderes Thema. Auch auf die extremen Nachteile Personen nur zu zehn oder 20 Projekt Prozent einem Projekt zuzuordnen möchte ich hier nicht näher eingehen.

Ich möchte das ganze Konzept des Projekts infrage stellen. Denn was passiert, wenn während des Projekts der Wettbewerb mit einem ähnlichen Produkt oder mit neuen Funktionen in den Markt eintritt oder das Kundenfeedback nahelegt das mit einem größeren Funktionsumfang mit diesem Produkt viele Fantastilliarden verdient werden können? Wie leicht fällt es dir dann das Projekt noch einmal um sechs Monate zu verlängern? Bekommst du schnell eine Genehmigung für ein neues Budget? Kannst du das Projektteam einfach sechs Monate länger behalten oder sind alle schon anderen Nachfolgeprojekten versprochen?

Ein Entwicklungsprojekt sollte also idealerweise den kompletten Produktlebenszyklus lange andauern. Die für das Vorhaben benötigten Menschen können dann nicht mehr fest mit einem solchen diesem verdrahtet sein, vielmehr sollten Sie sich in stabilen, untereinander vernetzten Entwicklungsteams organisieren und die Arbeitspakete unterschiedliche Vorhaben in der von der Entwicklungsorganisation vorgegebenen Priorisierung abarbeiten.

Aber ist das dann noch ein Projekt, wenn nicht klar ist, was am Ende raus kommt, wie lange es läuft, und was damit verdient werden kann? Ich glaube nicht. Wie du vielleicht bemerkt hast, rede ich auch seit ein paar Sätzen nur noch von „Vorhaben“. Das ist neutraler und flexibler als „Projekt“, weil es nicht definiert ist. Andere reden von einem Entwicklungs-Wertstrom, der so lange existiert, wie das Produkt im Markt existiert.

Projektdenken veranlasst uns in der Produktentwicklung zum Wunschdenken, dass alle Annahmen richtig sind und nimmt uns die notwendige Flexibilität in dynamischen Märkten und mit neuen Technologien bestehen zu können.

Was wir brauchen ist eine Lebenszyklusbetrachtung, transparente ökonomische Modelle für das Vorhaben, stabile, sich optimierende Teams.

Diese Einsichten sind nicht erst mit der Verbreitung agile Ansätze entstanden, sondern waren schon zuvor in der Lean Development Bewegung zu finden. So. Hab ich mal was ohne Agil und so geschrieben. Es soll ja helfen. Nicht nur cool sein…

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